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Fördert die Ökologisierung der Landwirtschaft die Hornmoose im Schweizer Mittelland?

Monitoring von Hornmoospopulationen in ausgewählten Äckern des Schweizer Mittellandes

Irene Bisang¹, Luc Lienhard² und Ariel Bergamini³

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Typische Ackerbaulandschaft im Schweizer Mittelland, einer der häufigsten
Standorte von Hornmoosen in Mitteleuropa

Hintergrund und Fragestellung

Die Hornmoose, eine isolierte Entwicklungslinie der Moose mit 100 bis 150 Arten, gehören zu den ältesten Landpflanzen (Goffinet 2000). Die grösste Vielfalt findet man in tropischen Regionen, nur wenige Arten kommen in Europa vor, wovon drei (
Anthoceros punctatus, A. agrestis, Phaeoceros carolinianus) in der Schweiz (zur Ausbreitung in der Schweiz siehe http://www.nism.unizh.ch/map/map.htm). A. punctatus ist lediglich aus dem Tessin bekannt (Bisang & Urmi 2006).
Auf der Alpennordseite wachsen das Schwarz-Hornmoos,
A. agrestis (Abb.), und das seltenere Gelb-Hornmoos, P. carolinianus (Abb.) auf (schwach) sauren, lehmigen oder sandigen Böden an offenen Stellen, vor allem im Ackerland, und seltener an Wegböschungen und Grabenrändern. Hornmoose sind in der Nordschweiz und in anderen Gebieten Mitteleuropas aus klimatischen Gründen i. Allg. einjährig, da sie Frost nicht überleben. Innerhalb weniger Monate im Sommer / Herbst durchlaufen sie ihren Lebenszyklus von der Sporenkeimung zur -reife (Bisang 1995, 2004). Während also die oberirdischen Populationen kurzlebig sind, können die Sporen mehrere Jahre in einer Diasporenbank im Boden überdauern (Bisang 1996). Im Laufe des 20. Jahrhundert gingen die Populationen der beiden Arten, insbesondere jene von P. carolinianus, in verschiedenen Gebieten Europas zurück (Bisang 1992, Hofmann et al. 2007). Das Gelb-Hornmoos wird in der Roten Liste der Moose der Schweiz als "stark gefährdet" eingestuft (Schnyder N et al. 2004), und ist auch in den Roten Listen anderer europäischer Länder enthalten. Untersuchungen von 1989 bis 1995 in 28 ausgewählten Äckern des Schweizer Mittellandes ergaben, dass der Typ der Feldfrucht und die damit im Zusammenhang stehenden Ackerbaumethoden entscheidend sind, ob Hornmoose in einem Acker eine gametophytische Population entwickeln (Bisang 1998, 1999). Am besten entwickeln sich die oberirdischen Hornmoos-Populationen in Stoppelfeldern, wenn möglich ohne Einsaat, die nach der Ernte längere Zeit nicht oder wenig bearbeitet werden.


Schwarz-Hornmoos Anthoceros agrestis (Thallus-
Durchmesser im Vordergrund ca. 1 cm)


Um Effekte der allgemeinen Ökologisierung der Landwirtschaft seit Abschluss dieser Untersuchungen und des 1999 eingeführten ÖLN und damit verbundenen veränderten Bodenschutzauflagen auf die Vorkommen der beiden Hornmoosarten zu beurteilen, untersuchten wir jeweils im Herbst von 2005 bis 2007 dieselben Felder erneut. Ausserdem interessierte uns, ob in den Untersuchungsfeldern ein Diasporenbank-Vorrat vorhanden ist, aus dem sich unter günstigen Bewirtschaftungsverhältnissen Gametophyten entwickeln könnten.

Ergebnisse und Empfehlungen

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die beiden Arten im Laufe der vergangenen 10 bis 13 Jahren in den untersuchten Äckern tendenziell abgenommen haben. Diese Abnahme ist durch die Abnahme der Anzahl unbestellter Stoppelbrachen im Spätsommer/Herbst erklärbar. Die seit 2005 verbindlichen Bodenschutzmassnahmen verlangen, dass alle Felder, die vor dem 31. August geerntet werden, entweder mit Herbstfrucht oder spätestens am 15. September bis mindestens 15. November mit einer Zwischenkultur bestellt werden. Auf der anderen Seite hat der Anteil als Weiden genutzten Flächen an den untersuchten Äckern zugenommen. Tierschutz-Vorlagen erhöhten während des vergangenen Jahrzehnts den Bedarf an Weidefläche. Diese Veränderungen widerspiegeln sich in der vorliegenden Stichprobe, und hatten zur Folge, dass offensichtlich im Agrarland des Schweizer Mittellandes die für Hornmoose optimalen Standorte abnahmen.


Gelb-Hornmoos Phaeoceros carolinianus mit Kapseln mit reifen Sporen
(gelb; Thallus-Durchmesser ca. 1.5 cm)

Die feucht-kühle Witterung im extrem niederschlagreichen Sommer 2007 schien einen positiven Einfluss auf die Hornmoos-Vorkommen auszuüben. Hornmoos-Sporen können ungünstige Bedingungen während mindestens zwei (Gelb-Hornmoos) bzw. drei Jahren (Schwarz-Hornmoos) im Boden überdauern, doch scheint die passende Bewirtschaftung für die Entwicklung der Hornmoos-Populationen an der Oberfläche eine massgeblichere Rolle zu spielen als der Diasporenvorrat im Boden.
Sollen die Hornmoose, insbesondere das in der Roten Liste aufgeführte Gelb-Hornmoos, im Schweizer Ackerbaugebiet längerfristig erhalten bleiben, sind gezielte Maßnahmen zu deren Förderung notwendig. Da die Sporen der untersuchten Sippen langlebig sind, dürften kleinflächige Veränderungen in der Bewirtschaftung ausreichen. Folgende Massnahmen dürften zur Erhaltung der Hornmoos-Populationen beitragen:

-> Ackerschonstreifen erst im Spätherbst umbrechen;
-> Ausgewählte Getreidefelder mit Hornmoos-Vorkommen erst im Spätherbst umbrechen;
-> Segetalflorastreifen.

Segetalflorastreifen fördern nachweislich einjährige Arten der Blütenpflanzen-Ackerflora, und wir erwarten einen positiven Effekt dieser Bewirtschaftungsform auf die ephemeren Hornmoos-Populationen. Ihre Wirksamkeit zur Förderung der Hornmoose und weiterer typischer Ackermoose sollte untersucht werden.

Zitierte Literatur siehe Bericht zum Herunterladen

Wir danken dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) für die finanzielle Unterstützung des Projektes, MeteoSchweiz für die zur Verfügung gestellten Witterungsdaten, und Ferdi Bisang, Lisa Eggenschwiler (ART), Peter Litfors und Ingela Lundwall (Universität Stockholm) und Edi Urmi (Universität Zürich) für Auskünfte, Diskussionsbeiträge und verschiedene Hilfeleistungen.

¹Naturhistoriska riksmuseet, Kryptogambotanik, Box 50007, SE-104 05 Stockholm, Sverige, irene.bisang"at"nrm.se; pers. Homepage, weitere Infos über Hornmoose (in Schwedisch)

²Waldrain 16, 2503 Biel, luc.lienhard"at"bluewin.ch

³ WSL, FE Biodiversität & Naturschutzbiologie, Zürcherstrasse 111, 8903 Birmensdorf, ariel.bergamini"at"wsl.ch; pers. Homepage

Fotos: Irene Bisang
Juli 2008