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Entwicklung von Hornmoospopulationen und ihren Lebensräumen im Schweizer Mittelland während der letzten 30 Jahren

Irene Bisang¹, Luc Lienhard² und Ariel Bergamini³

Was wir wissen

Die Hornmoose bilden eine isoliert stehende Entwicklungslinie der Moose von weltweit 200 bis 250 Arten und gehören zu den ältesten Landpflanzen (Villarreal et al., 2010). Die grösste Vielfalt findet man in tropischen Regionen. Von den acht in Europa heimischen Hornmoos-Arten finden wir drei in der Schweiz. Während eine dieser Arten (Anthoceros punctatus) auf das Tessin beschränkt ist, kommen das Gelb- und das Schwarzhornmoos (Phaeoceros carolinianus, Anthoceros agrestis; Abb. 1, 2) in der Schweiz auch auf der Alpennordseite vor (zur Verbreitung der Arten in der Schweiz siehe „Online-Atlas der Schweizer Moose“).


Abb. 1. Schwarzhornmoos (Anthoceros agrestis), Gelbhornmoos (Phaeoceros carolinianus) und ein Sternlebermoos (Riccia sorocarpa) an einem Ackerrand.

Hornmoose sind frostempfindlich und damit in Mitteleuropa im Allgemeinen einjährig. Sie können aber im Boden eine Sporenbank aufbauen und so mehrere Jahre überleben (Bisang 1996, Bisang et al., 2009). In neuerer Zeit wurden allerdings vereinzelt Hornmoos-Populationen auch im Frühjahr beobachtet, die einen milden Winter überdauert hatten.

Das Gelb- und das Schwarzhornmoos sind bei uns weitgehend an Habitate in der Agrarlandschaft gebunden, wobei die Feldfrucht und Anbaumethoden entscheidend sind, ob Hornmoose in einem Acker auftreten (Bisang, 1998). Am besten entwickeln sich die oberirdischen Hornmoos-Populationen im Herbst in unbearbeiteten Getreide-Stoppelfeldern ohne Einsaat (Abb. 3). Beide Arten haben einen hohen Stellenwert bei der Umsetzung der Naturschutzziele des Bundes. Das Gelbhornmoos ist eine der 17 Prioritären Arten, die an den Lebensraum „Feldfrucht“ gebunden sind (BAFU, 2013a). In den „Umweltzielen Landwirtschaft“ ist es eine Zielart, während das Schwarzhornmoos zu den Leitarten gehört (BAFU & BLW, 2008). Im Laufe des 20. Jahrhunderts gingen die Hornmoos-Populationen, insbesondere jene des Gelbhornmooses (Abb. 2), in verschiedenen Gebieten Europas als Folge der enormen Intensivierung im Ackerbau zurück (Bisang, 1992; Hodgetts, 2014). Das Gelbhornmoos ist denn auch in der Roten Liste der Moose der Schweiz als stark gefährdet (EN) eingestuft (Schnyder et al., 2004) und ausserdem schweizweit geschützt (NHV, 2015).

 


Abb. 2. Gelbhornmoos(Phaeoceros carolinianus) mit jungen Sporophyten und Antheridienkammern

Seit 1989 untersuchen wir in 10-jährigen Intervallen das Vorkommen und die Entwicklung von Hornmoos-Populationen in 28 ausgewählten Äckern im Schweizer Mittelland. Die Resultate der letzten Erhebung 2005-2007 zeigten, dass die Hornmoose im Mittelland weiter abgenommen hatten. Der Rückgang liess sich vor allem durch die Abnahme unbestellter Stoppelbrachen im Spätsommer/Herbst erklären (Bisang et al., 2009). Dies wiederum war auf die 2005 veränderten Bodenschutzauflagen (Begrünung von geernteten Feldern vor Mitte September um Nitratauswaschung zu verhindern) des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN) zurückzuführen, der 1999 schweizweit eingeführt wurde. Das Aufkommen von Hornmoosen schwankt beträchtlich zwischen den Jahren, was auch vom Wetter beeinflusst wird: Je feuchter der Sommer/Herbst, desto besser entwickeln sich die Hornmoose unter geeigneter Bewirtschaftung. In zwei Masterarbeiten schliesslich wurde gezeigt, dass Biodiversitätsförderflächen wie Rotationsbrachen oder Blühstreifen punktuell zur Förderung der Hornmoose beitragen können (Studer, 2016, Valentini, 2014).

Was wir aktuell untersuchen

In dieser dritten Erhebung (2016-2018) wollen wir untersuchen, ob der beobachtete negative Verlauf unter den aktuellen Vorgaben des ÖLN anhält. Die Bestimmungen des ÖLN werden regelmässig angepasst, um die Umweltziele der Landwirtschaft und die nachhaltige Produktion optimal zu fördern (BAFU & BLW, 2016; Bundesrat, 2017). Das Ziel ist es, potentielle Veränderungen der Hornmoosvorkommen und ihrer Standorte im Agrarland des Schweizer Mittelandes im Laufe der vergangenen nahezu dreissig Jahren aufzuzeigen (erste Beobachtungen 1989, letzte geplante Erhebung 2018), und die relative Bedeutung von Bewirtschaftungs- und Witterungseinflüssen zu ermitteln. Wir werden Massnahmen und geeignete Lokalitäten zum Erhalt dieser Arten vorschlagen, und damit Unterlagen zur Umsetzung der „Aktionspläne für National Prioritäre Arten“ in Bezug auf Ackermoose und ihre charakteristischen Lebensräume beitragen (BAFU, 2013b). Die Massnahmen sollen jene des „Ressourcen-Projektes zur Erhaltung und Förderung gefährdeter Schweizer Ackerbegleitflora“ ergänzen. Die Ergebnisse sind nicht nur für die Hornmoose relevant, sondern auch für andere einjährige Pflanzenarten, die auf regelmässige Störungen angewiesen sind, und für den ganzen, stark von menschlichen Einflüssen geprägten Lebensraum der Agrarlandschaft.


Abb. 3. Stoppelfelder, die bis mindestens Ende Oktober stehen gelassen werden, sind bevorzugte, aber selten gewordene Habitate für Hornmoose und weitere Ackermoose.

Willst du mitmachen?

Wir möchten alle Bryophilen aufmuntern, im Herbst und in den kommenden Jahren nach Hornmoosen Ausschau zu halten, und die Funde an das „Datenzentrum Moose der Schweiz“ zu melden. Insbesondere sind wir neugierig darauf, ob, wo und unter welchen Bedingungen oberirdische Hornmoos-Populationen im Frühling auftreten. In allen Fällen sind wir sehr an einer ausführlichen Beschreibung des Standortes und der Bewirtschaftung interessiert. Wir nehmen spezielle Beobachtungen auch gern per Email (siehe Adressen unten) entgegen.

Wir danken dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) für die finanzielle Unterstützung des Projektes, und Ferdi Bisang und Norbert Schnyder für Auskünfte und Diskussionsbeiträge.

Zitierte Literatur hier Herunterladen.

¹Naturhistoriska riksmuseet, Box 50007, SE-104 05 Stockholm, Sverige, irene.bisang"at"nrm.se;

² Natur&Geschichte, Waldrain 16, 2503 Biel, luc.lienhard“at“bluewin.ch

³ WSL, FE Biodiversität & Naturschutzbiologie, Zürcherstrasse 111, 8903 Birmensdorf, ariel.bergamini"at"wsl.ch

Fotos: Irene Bisang; Lars Hedenäs (Phaeoceros carolinianus)
April 2017

 
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